Der Kontaktmann

Fräulein Traudhild umklammerte ihre Handtasche und trippelte über das Laub. Die Bäume des Stadtparks wirkten im fahlen Licht der Laternen kränklich. In der Mitte des Parks schimmerte ein Soldatendenkmal. Unter den acht bronzenen Statuen stapelten sich als Fundament Kanonenrohre, Pferdegerippe und Totenschädel, deren Guss dunkel glänzte. Sie näherte sich dem Monument und setzte sich auf eine der vier Bänke davor.

Die Kinder waren im Bett, General Germont zu einer Party geladen. Dem Hausmädchen hatte sie erzählt, sie sei im Theater und sehe sich Heitere Reiter an. Sie hatte zwei verschiedene Kritiken des Theaterstücks gelesen. Für den Fall, dass man sie fragte.

Alles in Ordnung. Bald ist es vorbei, dachte sie. Ist doch gut, Mama, hätte Elyza gesagt. Es wird schon alles wieder gut.

Traudhild stellte sich gerne vor, was ihre Tochter gesagt hätte, auch wenn sie sich wohl nie hätte erträumen lassen, dass ihre Mutter einst eine Spionin werden würde. Diese Vorstellung gab ihr in gleichem Maße Kraft, wie sie wehtat. Doch sie war einfacher zu ertragen als die Realität.

Eine junge Frau kam den Weg entlang. Ihr helles, krauses Haar bauschte sich im Herbstwind. Über ihr schwankten die Baumwipfel und die Passantin vergrub die Hände in ihrem Muff und schritt weiter aus.

Pelzmantel und hochhackige Schuhe. Traudhild musterte sie verstohlen, als sie ohne einen Blick an ihr vorbeirauschte. Ihre Elyza hatte diesen Schnickschnack nicht nötig gehabt.

Tapfere, gute Elyza. Sie hatte im Dreck gekniet, den totwunden Soldaten im Lazarett die Hand gehalten, mit ihnen gebetet, Kraft geschenkt, weil es ihre Überzeugung gewesen war, dass ein Mensch nicht mit dem Gedanken an Schmerz zugrunde gehen sollte. Sanftmütige Elyza. Der Krieg hatte ihr ins Gesicht gespuckt, doch sie hatte gelächelt, immer gelächelt – bis in den Tod.

Es wird schon alles wieder gut. Es waren ihre Worte und Traudhild pflegte sie täglich zu wiederholen. Fast glaubte sie daran.

Die Frau im Pelzmantel entfernte sich. Ihr goldener Schopf wippte auf und ab, und während Traudhild auf ihren Rücken starrte, versank sie in den sorgenvollen Gedanken, die sie seit Tagen quälten: Was, wenn die Kinder trotz ihrer Ermahnung ausplauderten, dass ihre Gouvernante Minuten vor dem Anschlag im Munitionslager gewesen war? Im Nachhinein erschien es ihr leichtsinnig, dass sie sie mitgenommen hatte. Andererseits: Wie sonst wäre sie überhaupt in das Lager gekommen, wenn nicht als Schatten der Germont-Kinder?

Die alten Ängste. Sie kehrten in ermüdender Regelmäßigkeit zu ihr zurück. Wie Ungeziefer, das man aus der Küche gejagt hatte und das am nächsten Tag dennoch wieder über die Türschwelle gekrabbelt kam. Jeder, der im Untergrund arbeitete, kannte die Angst, verraten zu werden.

Unwillkürlich dachte Traudhild an die Männer und Frauen, die wie sie für Averon arbeiteten, isoliert voneinander, aber verbunden durch das Ziel, das sie einte: Frieden. Manchmal wünschte sie sich, sie könnte mit einem von ihnen reden. Nur für fünf Minuten reden.

Da hatten es die Revolutionäre leichter. Sie hatten ihre geheimen Versammlungen, ihre gelben Plakate und Flugblätter. Auch wenn sie vom Kaiser verfolgt wurden, sie fühlten die Nähe ihrer Mitkämpfer. Und inzwischen, nach Monaten des Schwelens, hatten sie eine subversive Kraft erreicht, die an eine langsam rollende, aber bis auf den Meeresgrund reichende Welle erinnerte. Das Manifest 89 rüttelte an den Pfeilern der Monarchie. Keine Razzien, keine aufgeknüpften Staatsfeinde konnten daran etwas ändern. Reverons Oberschicht geriet allmählich in Panik. Insgeheim beglückwünschte Traudhild das Manifest, mit dem sie in ihrem Geist Waffenbruderschaft geschlossen hatte. Wie sie war es ein Werkzeug, Zunder für den Zerfall des reveronischen Reiches.

Wenn es ihnen allen nur gelang, ihre Rollen lange genug zu spielen …

Traudhilds Augen glitten wachsam über die Parklandschaft. Informationen auszutauschen war die Schwachstelle der Spionagearbeit. Die Botschaften mussten in einem kurzen Zeitfenster übermittelt werden. Nur erfahrene Agenten wie Traudhild verfügten über die Fähigkeit, die komplizierten Codes zu entschlüsseln, die sie mit ihrem Kontaktmann zusammenführen würde. Der Einsatz war hoch. Die Welt, in der sich die Gouvernante bewegte, gestattete keine Fehler. Flog sie auf, bedeutete dies nicht nur Schmerzen und Tod für sie selbst, sondern ebenso für all jene, die mit ihr zusammenarbeiteten.

»Gnädiges Fräulein?«

Traudhild blickte nach rechts. Ein großer, gesichtsloser Mann in Regenmantel und Hut trat hinter den Statuen hervor.

»Ja?« Menschen spürten Angst und Unsicherheit. Innerlich zog sich Traudhild an ihren sicheren Ort zurück. Sie stellte sich vor, auf einer Wiese zu sitzen, umgeben von Gras und friedlich weidenden Schafen, wie ihre Eltern sie besessen hatten.

»Es ist kalt, wollen Sie sich nicht in ein Haus begeben, um sich aufzuwärmen?« »Welches Haus?« »Ein weißes Haus.«

Traudhild stand auf und näherte sich dem Kontaktmann. »In meine Tasche damit«, zischte sie und öffnete die Handtasche.

Der Regenmantel kam ihr entgegen, seine Krempen waren hochgeschlagen und verdeckten den Hals, machten den Kerl darin noch wuchtiger, als er wirklich war. Er hob den Kopf gerade soweit, dass Traudhild unter dem Hut seine blassen Augen sehen konnte.

Sie hielt den Atem an. Einen schrecklichen Augenblick glaubte sie, sich geirrt zu haben. Vermeinte ein triumphierendes Funkeln in den Augen des Mannes zu erkennen.

Kein Kontaktmann – ein reveronischer Agent. Der Schock jagte ihr bis in die Fingerspitzen. Der Mann griff in die Innenseite seines Mantels. Eine Waffe! Lauf, Mädchen, lauf! Nein. Warte … Unauffällig ließ der Mann eine Mappe in ihre Tasche gleiten.

»Ihr neuer Auftrag. Das Tristmon-Projekt. Keiner unserer Agenten ist dem Projektleiter so nah wie Sie. Lerille Richmuth-Tristmon ist seine Tochter. Kennen Sie sie? General Germont lädt sie seit neuestem zu seinen Partys ein.« Traudhild stieß die Luft aus, noch immer zitternd, und nickte schnell. »Ja, ja«, wisperte sie, »ich habe sie vor einer Woche gesehen.«

»Gut«, sagte der Mann knapp. Sie mussten sich beeilen. Ihr Zeitfenster schloss sich bereits. »Infiltrieren Sie Lerille Richmuth-Tristmon. Kommen Sie möglichst nah an ihren Vater heran. Jede Information zu seinem Projekt ist wichtig, aber wir brauchen vor allem die Baupläne. Haben Sie alles, kehren Sie unverzüglich nach Averon zurück.« »Aber meine Stellung bei den Germonts?« »Viel Glück.« Das helle Augenpaar unter dem Hut starrte sie eine Sekunde lang an, dann drehte sich der Mann um und verschwand im Park.

Fräulein Traudhild stand fröstelnd neben dem Kriegerdenkmal. Sie schloss die Handtasche und knöpfte ihre Jacke zu. Was immer das Tristmon-Projekt war, es musste wichtig sein, wenn die averonische Regierung Traudhilds gute Position im Hause Germont aufs Spiel setzte.