Dem Geheimnis der Buddhisten auf der Spur

Wie ich in einem Schweigekloster verbotenerweise über mein Leben nachdachte und mir eine Toilette dabei half, die Kraft der Stille zu verstehen.

Mitten in der Nacht brettert der Minibus mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch die engen Serpentinen der Gebirgsketten vor Dhauladhar. Ich sitze auf der letzten Reihe und direkt hinter mir befindet sich der Kofferraum mit seinem Durcheinander aus Rucksäcken und Reisetaschen. Dazwischen kann ich den Asphalt erkennen, da die Kofferraumtüre nicht mehr richtig schließt und nur noch durch eine Schnur gehalten wird. Etwas haltlos fühle ich mich. Ab und zu bremst der Fahrer abrupt, wenn eine Schafherde hinter einer Kurve erscheint. Langsam fahren ist für das indische Gemüt keine Option. Wozu hat man Eselskarren schließlich durch Automobile ersetzt?

Irgendwann wickle ich ein T-Shirt um meinen Kopf, schließe die Augen und versuche einige Minuten Schlaf zu finden. Akzeptanz. Deshalb bin ich doch gekommen, in die Bergregionen Nordindiens, nach McLoad Ganj am Rande des Himalajas. Um in einem Schweigekloster Erkenntnisse zu gewinnen. Was in den nächsten zehn Tagen wohl geschieht?

Man nennt dieses Gebiet auch Little Lhasa. Der Buddhismus ist hier deutlich spürbar, mit bunten Tempeln, golden schimmernden Dächern, rot gewandeten Mönchen und herzlicher Freundlichkeit, die nicht überall in Indien vorzufinden ist. Das Leben ist ruhiger, weit weg von der Hektik der Großstädte, die Religion gibt Halt.

Als ich am frühen Morgen die kleine Stadt erreiche, ist der Himmel herrlich blau. Das Areal des Retreats selbst liegt oberhalb der farbenfrohen Häuser McLoad Ganjs, zwischen Nadelbäumen und einer schmalen Auffahrtsstraße, auf die keine zwei Autos nebeneinander passen.

Nach einer Stunde unter strahlendem Sonnenschein treffe ich mit meinem Wanderrucksack auf den Schultern im Kloster ein. Wir sind über hundert Leute unterschiedlichsten Alters und Herkunft aus der ganzen Welt, aber ich glaube unser gemeinsames, spirituelles Interesse zu fühlen.

Alle unsere elektronischen Geräte werden in Schließfächern verwahrt und wir werden angehalten, von nun an nicht mehr zu sprechen. Auch werden uns Pflichtämter zugeteilt. Abwaschen, wischen, Toilette putzen und mehr. Ich hoffe innig, nicht die Toiletten reinigen zu müssen. Und natürlich fällt mir und zwei weiteren dieses Amt zu. Einer Asiatin und einem schwarzgelockten Mann, vielleicht ein Spanier. Ich kenne ihre Geschichten nicht, frage mich, woher sie kommen, welche Muttersprache sie sprechen, warum sie hier sind. Wir schweigen natürlich.

Am Abend sinken die Temperaturen drastisch im Gebirge. Ich schlafe tief in dieser Nacht. Um sechs Uhr morgens, wenn der Raureif noch alles bedeckt und Kondenswolken den Atem ummanteln, frühstücken wir. Danach finden wir uns in der Stupa ein, um zu meditieren und unserem Lehrer zu lauschen, der uns Begriffe wie Dharma oder Satori erklärt. Abstrakte Theorien von Leben und Tod, vom Transzendentalen und dann wieder den normalen Dingen des Lebens. Dem Atmen, dem Sein, aber allem voran dem menschlichen Leiden. Viele dieser Informationen kann der Verstand nur verarbeiten, indem er sie mit bereits Bekanntem verknüpft. Vielleicht wäre es besser, ohne Sprache zu denken. Dann besteht die Chance, nicht alles in den Rahmen bekannter Denkmuster zu drücken. Aber das ist nur ein weiterer Gedanke.

Meinen inneren Widerstand überwindend, finde ich mich um fünf Uhr abends vor den Toiletten ein. Die Asiatin wartet bereits mit einem breiten Lächeln auf mich. Einige Minuten bleiben wir nebeneinander stehen, schenken uns ab und zu ein scheues Lächeln und verlieren uns im Grün der Kiefernbäume und dem Spiel einiger Affen. Der Typ mit den schwarzen Locken taucht an diesem Tag nicht auf und wird auch die anderen Tage fernbleiben. Ich will ihn zuerst dafür verurteilen, beginne mich dann aber zu fragen, was mir das bringen soll. Also beginnen wir, die Toiletten zu putzen. Jeder von uns beiden ist aufmerksam bedacht, dem anderen nicht zu viel Arbeit zu überlassen. Stille Kommunikation, ab und zu ein unterdrücktes Lachen, wenn wir bemerken, dass wir eine Stelle gereinigt haben, die schon der andere geputzt hat.

Als ich an diesem Abend im Bett liege, rieche ich, dass in meiner Abwesenheit jemand das Zimmer geräuchert hat. Ich wickle mich tief in die Decke, den durch das geöffnete Fenster dringenden Geräuschen des Waldes lauschend, und beobachte, wie der letzte glühende Aschestaub von einem Räucherstäbchen auf den Sims rieselt. Langsam trägt mich der Atem in den Halbschlaf.

Die Tage verlaufen langsam. Gefühle der Langeweile, der Trauer und Freude wechseln in mir in unzähligen Facetten, wie die tausend Farben der Mandalas, die mir in den Achtsamkeitsmeditation vor meinem geistigen Auge erscheinen oder das immer drehende Rad des Samsara. Ich habe viel Zeit, über das eigene Leben nachzudenken, auch wenn wir in den Meditationen angewiesen wurden, es nicht zu tun. Sinn. Womit die eigene Lebenszeit gestalten? Das Leben ist endlich, der Tod bringt das Leben. Es ist unmöglich in Worte zu fassen, wohin mich meine Gedanken tragen, wie schnell sie wechseln, sprunghaft wie Elektrizität energetisieren sie das Nervensystem. Und bei genauerer Betrachtung erkenne ich ein Muster, eine Konditionierung, Aktion und Reaktion. Manchmal aber erscheinen sie wie zufällig und bestimmen mein Denken. Mein? Ich?

Mit der Zeit werde ich ruhiger. Der Reizentzug beginnt mit den Tagen seine Wirkung zu entfalten. Beim Abendessen schöpfe ich als einer der letzten mein Essen, ich kaue bedächtig, verinnerliche den reinen Geschmack des kaum gewürzten Gemüses. Mein tägliches Putzen der Toiletten wird zu einem geschätzten Ritual, die Energie meiner Kumpanin neben mir zu spüren gibt mir Halt. Unsere Lippen bleiben geschlossen, aber unsere Gesichter sprechen. Was mir mit meinem Alltagsbewusstsein wohl nicht aufgefallen wäre, schätze ich jetzt umso mehr: die subtile Wahrnehmung der Asiatin. Und so beginne ich erste, tiefere Erfahrungen mit mir selbst und anderen zu machen, in einem Klohaus im Himalaya.

Der letzte Tag ist angebrochen und wir unternehmen eine kleine Wanderung außerhalb des Klosterareals. Allen ist es dabei wieder erlaubt zu sprechen. Während die meisten in lautes Reden verfallen, bleibe ich zurück. Ich gehe langsam, habe gar kein Bedürfnis zu sprechen oder mich schnell zu bewegen. Ich frage mich in diesem Moment, was denn anders ist als sonst. Eine innere Zufriedenheit mit dem, was im Moment geschieht, ist eingekehrt. Ich spüre eine ungewohnte Ruhe und Ausgeglichenheit. Der Körper strebt immer nach Balance. Unser Verstand bringt ihn regelmäßig aus dem Gleichgewicht. Aber auf diesem Waldweg erfahre ich, dass es in der spirituellen Praxis darum geht, das innere Gleichgewicht zu finden. Und aus diesem Ruhepol heraus entsteht dann Wachstum.

Ich schaue hinab ins Tal, auf die Hügel, Wälder, Hausdächer, die Menschen.

 

S.

Erlebt auf einer Indienreise, September 2016