Das Tristmon Projekt

Leseprobe

Bezirk 73

Es geschah in der ersten Schicht. Fünfundzwanzig Leiber, eingepfercht in einen Aufzug, wurden in den Untergrund hinabgelassen. Zehn, zwanzig, hundert Meter. Das Rattern dröhnte ihnen in den Ohren, ihre Arbeitskleidung war starr vor Lehm. Die Luft wurde wärmer, je tiefer der Aufzug in den Bauch der Erde fiel.
Einer der Männer hielt sich am Seitengitter fest. Sein Blick hatte ein apathisches Starren angenommen, die Augen waren glasig wie die Oberfläche gefrorenen Wassers, während er den Schweiß seines Vordermanns roch und darauf wartete, dass die Sonne irgendwo da oben auf- und wieder unterging.

Yan Pavel stand in seinem Ausweis, doch den hatte er schon lange nicht mehr gesehen. Er wurde unter Verschluss gehalten, bis er seine Schuld abgearbeitet hatte. Es würde noch Jahre dauern. Niemand hielt so lange durch, und Yan Pavel wusste das.

Dennoch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, obwohl es manchmal Tage gab, Tage wie diese, in denen er außerstande war, zwischen dem Rost, dem Kohlestaub und Schlamm noch Farben zu entdecken; alles vermengte sich zu einem eintönigen Brei, der auch in seinen Geist kroch und sich zwischen ihm und der Welt zur Mauer verhärtete. Besonders schlimm war es, wenn er sogar seinen Groll auf jene vergaß, die ihn in diese Misere gestürzt hatten. Er wollte um Hilfe rufen, doch niemand hörte ihn. Niemand begriff. Während der ersten Jahre Zwangsarbeit hatte er noch damit gehadert, dass die Bürger der umliegenden Städte sich nicht für die Quelle ihres Wohlstands interessierten, für die scheinbar unerschöpflich fließende Energie. Inzwischen war er verstummt. Er hatte akzeptiert, dass kaum jemand, erst recht kein Mitglied der Richtigen Gesellschaft, je einen Fuß auf diesen schattigen Flecken Erde setzte.

Die Förderanlage, in der Yan seinen Dienst verrichtete, befand sich im Umland der Hauptstadt Tormar, am Ende einer holprigen Straße, wo die Luft noch seifiger war und die künstlich aufgeworfenen Hügel das Tageslicht rasch verschluckten. Türme aus Stahl ragten wie Finger aus dem Boden. Baracken kauerten sich dicht aneinander. Dazwischen lagen Rohre, fett wie Lindwürmer. Dafür, dass es sich um die größte Kohlemine der Nation handelte, trug sie einen unspektakulären Namen: Bezirk 73.

Die Sekunden schälten sich durch die Dunkelheit, bis der Käfig endlich zum Stillstand kam und die Mannschaft ausspuckte, hineindrückte in eine Welt nass schimmernder Felswände und Lampen, deren Schein nur hell wirkte, weil der Rest Schwärze war.

Unter der staubverwehten Oberfläche befand sich ein Labyrinth aus Stollen und Schächten. Die Fördertürme und Räderwerke schickten quälenden Lärm durch die Gänge, die in gewisser Weise an Katakomben erinnerten, nur waren sie wesentlich stickiger, verzweigter und so instabil, dass ein Funken genügte, um alles zum Einsturz zu bringen.

Das Problem, das Yan mit seinem Arbeitsort hatte, war nicht unbedingt die Enge. Daran hatte er sich gewöhnt; er lief gekrümmt und machte sich klein, auch wenn ihm das üble Rückenschmerzen bescherte, die seine Schultern hart wie Beton werden ließen. Es war die Temperatur. 

Sie war schlimmer als das Gefängnis aus Wänden und Decken, denn sie dämpfte seine Sinne, drang in seine Lunge ein und füllte sie bis zum Rand mit Druck. Das Atmen fiel schwer, Schweiß rann den Rücken hinab und biss in den Augen, und doch machte Yan weiter, grub, hackte, dumpf darüber nachsinnend, dass der Mensch nicht geschaffen war für einen solchen Ort. Und es war ein Charakteristikum von ersten und letzten Schichten, dass die Unfallgefahr zu dieser Zeit am höchsten war, wenn die Arbeiter noch schlaftrunken oder erschöpft durch die eintönige Arbeit waren. 

Hereinbrechende Gesteinsmassen, Wassereinbruch, Schlagwetterexplosionen. Es gab viele Möglichkeiten, untertage zu verunglücken. Doch das heute, das war wieder einmal etwas Großes.

Yan hatte Geschichten gehört. Die meisten stammten aus zweiter Hand, von Kameraden oder Angehörigen, bei deren Schilderung ihn ein Schaudern ergriffen hatte. Aber erst als er sah, wie die Realität um ihn herum zerbrach, fühlte er diese Geschichten erwachen.

Hinter ihm, aus der Dunkelheit des Minengangs, bollerten die Flammen heran, sprossen auf wie eine Rose. Er sah, wie sich das Feuer unaufhaltsam zu ihm fraß und die Finsternis zerriss. Die Gleise wölbten sich unter der Hitze. Er hörte das Ächzen von Gestein, das Zischen des Wassers, das entlang der feuchten Wände verdampfte, und einen Laut, der noch schauriger klang als das: seine Kumpels, die in den Seitengängen eingeschlossen waren. Die Hölle hatte ihren Rachen geöffnet, ihr Atem verbrannte seine Haut.

Letzte Worte hatte er keine. Sein Kopf war angefüllt mit einer einzigen Empfindung, einem Schrei, so körperlich und wirklich wie nichts anderes in diesem Inferno: Schmerz. Er war so allumfassend, dass er Gott aus seinem Flehen verbannte.

Ebenso schnell, wie das Feuer gekommen war, verschwand es wieder. Ein gewaltiger Sog zog es zurück in die Tiefe, als sei es auf einmal all seiner Kraft beraubt. Yan Pavel riss den Mund auf, versuchte zu atmen. Erfolglos. Das Feuer hatte alles genommen.

»Was hat die Katastrophe verursacht, Herr Direktor?«
»Die Jungs in Sektor 18 haben wohl eine unterirdische Gaskammer angebohrt. Die Kerze einer Sicherheitslampe hat die Gase entzündet.«

Zwei Stimmen. Wenigstens eine davon erkannte Yan, dessen Augenlider schwer aufeinander klebten. Sie gehörte dem Direktor des Förderbetriebs, einem vielbeschäftigten Mann und Großmagnaten seiner Branche.

»Ein Versehen?«, fragte der andere.
»Was glauben Sie denn?«, erwiderte der Direktor.
»Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie keinesfalls beleidigen. Allerdings gibt es heutzutage die unglaublichsten Geschichten …«
»Bezirk 73 ist ein Vierundzwanzigstundenbetrieb. Wir liefern dreizehn Prozent des nationalen Kohlebedarfs. Uns bleibt keine Zeit für Versicherungsbetrug.«
»Natürlich, natürlich. Erlauben Sie mir, Ihnen mein tiefstes Bedauern über das Unglück auszusprechen, auch im Namen der Regierung und Ihrer Majestät, des Kaisers.«

Der Direktor schwieg. Yan versuchte sich zu bewegen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Schmerz pochte durch seine Glieder, dumpf, aber erträglich. Wieviel Morphium hatten sie ihm gegeben?

»Wer ist das, Doktor?«, fragte der Direktor.
»Yan Pavel, Nummer 349. Er hat überlebt. Bedauerlicherweise als Einziger.«
»Seine Verletzungen?«
Das Zögern des Doktors sagte Yan, dass etwas nicht stimmte. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt, als sich der Arzt endlich entschloss, das Schweigen zu brechen.
»Nummer 349 wurde von seiner Lore gegen den Türstock geklemmt. Neben mittelschweren Verbrennungen am Unter- und Oberkörper hat er Quetschungen im Brustbereich. Und sein rechter Arm ist von der Hand bis zum Ellenbogen zertrümmert.«

Unter größter Anstrengung öffnete Yan die Augen. Er erkannte die Decke des Lazaretts. Obwohl die Umgebung nur durch das schale Licht einer Petroleumlampe erhellt wurde, begannen seine Augen sofort zu tränen. Sie hatten sich an die ewige Dämmerung untertage gewöhnt. Trotzdem zwang sich Yan, sie offen zu halten.

Über ihm schwebten drei Gesichter. Er kannte nur das des Direktors, sein frisiertes Haar schimmerte wie das Silberbesteck, von dem er zu speisen pflegte. Der Kerl rechts neben ihm musste der Regierungsinspektor sein. Links, in einer grauen Schürze, stand der Arzt.

Der Direktor musterte den Körper vor sich. Yan versuchte seinen Blick aufzufangen, ihn mit den Augen um Hilfe zu bitten. Ohne Erfolg. Bleierne Müdigkeit überfiel ihn, aber er wehrte sich mit aller Kraft dagegen, einzuschlafen. Er durfte nicht schlafen. Etwas war im Gange. Die Gesichter der drei Herren waren zu ernst.

»Man, ähm, müsste operieren«, sagte der Arzt und betastete das Klemmbrett, das er in der Hand hielt.
»Dienstzeit?«, fragte der Direktor.
»Verzeihung?«
»Wie lange arbeitet Nummer 349 schon in den Minen?«
Der Arzt konsultierte das Klemmbrett. »Sechs Jahre, Herr Direktor.«
»Sechs. Eine lange Zeit. Haben Sie die Studie von Ruge gelesen? Sie wurde erst kürzlich publiziert. Kluger Kopf, Arbeitswissenschaftler. Nach spätestens sieben Jahren verliert der Körper bei monotoner Belastung seine Spannkraft. Er ist weniger effizient, es passieren Fehler. Man sollte ihn austauschen.«

Yan öffnete den Mund und stöhnte in dem Bestreben, sich zu verteidigen. Wie lange hatte er geschuftet? Wie folgsam hatte er sich durch die Schichten gequält? Wofür, wenn er jetzt …
»Arbeitsunfähig.« Der Direktor hatte offenbar vergessen, dass Yan über so etwas wie ein Gesicht verfügte. Er warf seiner zertrümmerten Brust einen letzten Blick zu, schnalzte mit der Zunge, als sei ihm sein Taschentuch in den Straßengraben gefallen, und ging. Der Inspektor schloss sich ihm an.
»Tut mir leid, mein Junge«, murmelte der Arzt. Dann zückte er einen Stift und strich seinen Namen von der Liste.

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Tarton 4 Zylinder

Ein Kohlenlieferant brachte Yan nach Tormar. In den dunkleren Straßen der Hauptstadt, abseits der Alleen und Parks, gab es genug Platz, um ungestört zu sterben.
Nachdem ihn der Lieferant in einem Hinterhof von der Ladefläche gescheucht hatte, irrte Yan durch die Stadt. 

Die Wirkung des Morphiums hatte nachgelassen, der Schmerz kehrte in seinen Körper zurück wie ein langsam wirkendes Gift. Wohin er gehen sollte, wusste er nicht. Er kannte niemanden und sobald er sich den wenigen Passanten zuwandte, duckten sie sich tiefer unter ihre Hüte und eilten geschäftig weiter.

Wie kalt diese Stadt doch war, wie dreckig, nicht einmal der Regen konnte etwas daran ändern. Der Himmel glänzte fettig, hohe Schornsteine pufften dichten Qualm in den Äther. Der Odem einer Industrie, die sich längst selbst verschlungen hatte.
Wohin, wohin, dachte Yan träge. Am Ende seiner Kräfte brach er an einem Laternenpfosten zusammen.

Es war keine unbedeutende Straße, an dessen Rand er sich geschleppt hatte, sondern eine von vielen Leuten frequentierte Achse nahe dem Regierungsdistrikt. Edle, bunt gekleidete Damen und noble Herren mit Hüten schritten an ihm vorbei und verschwammen vor seinen Augen zu Schemen. Niemand sah sich nach ihm um, nicht einmal die Hunde, die an den Leinen ihrer Besitzer zwischen den Menschenbeinen hindurchtrippelten. Droschkenräder klapperten über das Pflaster. Ab und zu hörte man ein Automobil tuckern.

Arme und Krüppel gehörten nicht ins Stadtzentrum, doch Yan war zu erschöpft, um seine Lage in ihrem ganzen Ausmaß zu begreifen. Lange saß er nur da und starrte auf seine Hände, die in seinem Schoß ruhten.

Er versuchte zu verstehen, was geschehen war. Wie er auf diesen Randstein gelangt war, auf dessen Pflaster Flugblätter und Zigarettenstummel klebten. War es wirklich er, der hier saß und fühlte, wie aschiger Regen seine Kleider durchnässte? Der den Schmerz wahrnahm, der an seinen Gliedern zerrte und entlang des Rückens hinauf in die Gedanken faserte?

Was hatte er getan, um das zu verdienen? Hatte es in seinem Leben einen Punkt gegeben, einen fatalen Moment, der ihn an diese Straße geführt hatte? Oder war dies alles die Verkettung makabrer Zufälle, die, außer für ihn, nicht weiter bemerkenswert waren?

Er presste die Augen zusammen, suchte nach einer Antwort. Doch seine Gedanken irrlichterten durch lähmende Dunkelheit. Seine Vergangenheit – scheinbar fort. Die Minen. Die Zeit davor. Sein Leben schien nicht mehr zu sein als angestaute Erinnerungen, die sich blass ineinander verwoben wie ein Teppich, dessen Muster längst verblichen war.

Etwas jedoch glaubte er in seiner Vorstellung noch zu finden. Er sah einen Brunnen in der Mitte eines Hofs, ringsherum Stallungen. Das Bild weiter Felder drängte heran, endloser Himmel über gelben Flächen. Und eine Birke, unter deren Ästen er neben einem Mädchen lag und lachte. Es war sein Leben vor den Minen. Doch er fühlte nichts. Es war, als blättere er im Familienalbum eines Fremden. Er hörte Stimmen, die er nicht zuordnen konnte, und erschrak über Gerüche, die ihn ebenso unerwartet wie plötzlich anfielen. Kurz blitzte eine Erkenntnis auf, zerbrechlich wie eine Blume: der Gedanke, dass es vielleicht noch nicht zu spät war; der Mensch, der er einmal gewesen sein mochte, der sich in den Stollen verloren hatte – möglicherweise lebte er noch.

Dann bekam er Panik. Sie war so stark, dass Yan vergaß, woran er sich Sekunden zuvor erinnert hatte. Sein Atem stockte. Er öffnete den Mund, doch da war nichts, keine Luft, die er atmen konnte. Sein Sichtfeld schrumpfte auf einen schmalen Korridor zusammen, an dessen Ende er seine Hände erkannte, die nutzlos in seinem Schoß lagen. Arbeitsunfähig. Die Quintessenz nach sechs Jahren harter Arbeit. Es war nichts geblieben außer Schmutz unter den Fingernägeln.

Als Yan den Kopf hob, sah er zwei Kinder, die sich als Einzige nicht scheuten, ihn anzusehen. Nein, eigentlich sahen sie nicht – sie starrten. Starrten, wie Kinder nun einmal starren, wenn sie etwas Ungewöhnliches erblicken. Der Junge und das Mädchen, vermutlich Geschwister, mochten etwa sieben Jahre alt sein. Ihre Haut war schneeweiß, das Haar sorgsam gekämmt.

Von dumpfer Faszination gepackt starrte Yan zurück. Sein rechter Mundwinkel hob sich. Das Mädchen lächelte verschmitzt und für einen Augenblick erwachte etwas in Yan. Was genau es war, konnte er nicht sagen, doch es verdrängte die Dunkelheit, die sich hinter seiner Stirn ausgedehnt hatte.

Der Moment verpuffte mit dem Erscheinen einer Frau, die niemand anderes als die Gouvernante sein konnte. Um die Fünfzig, streng zurückgebundenes graues Haar, graue Kleidung, schmaler Mund. Das Mädchen sagte etwas und die Frau sah zu Yan herüber. Als sich ihre Blicke trafen, wurde ihm kalt und er senkte rasch den Kopf.

»Willemar, Joëme, hört auf zu gaffen und kommt endlich. Euer Vater wartet. Was gibt es denn da?« Imgrin Traudhild sah auf, bemerkte die zusammengesunkene Gestalt am Straßenrand und verzog die Lippen. »Diese Stadt macht mich wahnsinnig. Nichts als Gesindel auf den Straßen.«

Sie scheuchte die Kinder weiter. Womöglich war der Kerl eine Gefahr. Sie hatte die schwarze Binde an seinem linken Oberarm bemerkt.
»Fräulein Traudhild? Warum weint der Mann? Männer weinen doch nicht«, quäkte Willemar.
»Warum, warum! Darum, Kind.« Fräulein Traudhild zupfte ungeduldig die Kapuze des Knaben zurecht und bugsierte ihn vorwärts.

Trotzig stopfte Willemar die Fäuste in seinen Regenmantel, wagte aber nicht zu widersprechen. Der Regen fiel dicht und kalt. Mit Genugtuung bemerkte Fräulein Traudhild, dass die Kinder ihren Wunsch, zu Fuß zu gehen, bereits bereuten. Mit eingezogenen Köpfen tapsten sie vor ihr durch die Menge. Erst als Joëme schniefend bat, sie mögen doch eine Droschke nehmen, hob Fräulein Traudhild eine behandschuhte Hand. Die Droschke kam, woraufhin die Kinder dankbar ins Trockene huschten.
»Mauerabschnitt 59, Generalhauptquartier, Anlieferungszone«, befahl sie und klopfte an die Innenwand.

Fräulein Imgrin Traudhild war eine strenge Person und sie war stolz darauf. Fleiß, Disziplin und Ordnung. So war die Welt errichtet worden, so war sie zerstört worden, sukzessive, mit der Akribie eines Chirurgen. Und so würde sie von dem Übel befreit werden, das sie befallen hatte. Fräulein Traudhild lebte nach diesen Prinzipien. Sie versprachen eine Regelmäßigkeit, wie sie dem Heute abgingen.

Seit zehn Jahren arbeitete sie für die Familie Germont, besorgte den Haushalt und erzog die beiden Kinder. Frau Germont verließ ihr Zimmer selten, sie war schwer krank. Herr Germont war General der Kaiserlichen Streitkräfte und betrat seine Villa fast nie. Das Steuer lag in Fräulein Traudhilds Hand. Jeden Tag stand sie um sechs Uhr auf, zog eine weiße Bluse mit steifem Kragen, einen grauen Gehrock und eine grauschwarz karierte Schürze an und kochte Grießbrei für die Kinder und die kranke Frau Germont. In aller Augen war sie die perfekte Gouvernante. Doch der Schein trog.

»Generalhauptquartier 59. Sechs Kronmark, bitte.« Der Kutscher streckte die Hand aus. Fräulein Traudhild entlohnte ihn und scheuchte die Kinder durch ein großes Tor, über dem das Wort Anlieferung zu lesen war.

Sie betraten einen großen Innenhof. Links standen in Reih und Glied Geschütze, die von Rekruten gewartet wurden. Rechts erhob sich etwas, das wie ein künstlicher Berg aus Beton aussah. Es war ein Teil des äußersten Mauerrings, eines gigantischen Walls, der die gesamte Stadt umschloss. Jenseits der Verteidigungsanlage erstreckte sich das Niemandsland, ein Todesstreifen, der die verfeindeten Nationen Averon und Reveron schon seit Jahrzehnten trennte.

»Guten Tag, gnädiges Fräulein!« Die wachhabenden Soldaten salutierten. Fräulein Traudhild musste sich nicht mehr ausweisen; General Germont hielt es für pädagogisch wertvoll, seinen Kindern die ganze Schlagkraft Reverons zu demonstrieren, weshalb sie hier ein- und ausgingen.

»Das ist aber nicht der Weg zu Vaters Arbeitszimmer«, stellte Joëme fest, als sie den Innenhof durchquerten und ein Materiallager betraten, welches sich direkt im mächtigen Leib der Mauer befand.
»Sehr richtig, kluges Kind«, entgegnete Fräulein Traudhild barsch und steuerte auf den Durchgang am anderen Ende der Halle zu. Das scharfe Klack-klack ihrer Schuhe brach sich an den Betonwänden. Das Licht von Öllampen huschte über Stahlträger und erhellte Kanonen, Munitionskisten, gepanzerte Wagen, Gewehrrechen, Sprengstoff. Ein Vermögen lagerte in der Mauer – das Potenzial, dem Feind Averon immer und immer wieder empfindliche Verluste zu bereiten.

Willemar schniefte.
»Fräulein Traudhild? Mir ist ganz malade zumut.« Er zog dramatisch die Nase hoch. »Darf ich ein Schnupftuch haben? In Ihrer Tasche ist doch bestimmt eines.«
Fräulein Traudhild umgriff die Handtasche fester.
»Wisch dich mit dem Ärmel sauber. Das tun doch Jungs in deinem Alter.«
»Aber Fräulein–«
»Hab dich nicht so!« Sie gab dem Wachmann an der Tür ein Zeichen und schnaubte, als sie Willemar flennen hörte. So war sie, die strahlende Jugend Reverons. Und dieses Volk wollte behaupten, etwas Besseres zu sein.

Der Wachmann öffnete die massive Tür am Ende der Halle.
»Sie erlauben?« Er griff in seinen Militärmantel und zog ein Taschentuch hervor, das er Willemar reichte. Fräulein Traudhild spürte, wie sie allmählich nervös wurde, doch sie hatte sich soweit im Griff, dass sie ein dünnlippiges Lächeln zustande brachte.
Als der Mann die Türe wieder geschlossen hatte, befahl Traudhild den Kindern zu warten und ging eine steile Metalltreppe hinunter, an dessen Ende sie einen Nebenraum betrat.

Hier gab es nur rötlich glühende Sicherheitslampen. Metalltanks in der Größe von Kutschen lagen aufgebockt nebeneinander. Ein Wirrwarr an Rohren zweigte von ihnen ab und verlor sich in den Wänden. Der Heizungstrakt.

»Ich habe Stimmen gehört«, sagte ein Mann, der aus dem Schatten eines Metalltanks hervortrat. Er trug Arbeitskleidung, gehörte aber zum eingeweihten Kreis.
»Die Kinder. Sie sind oben.«
»Es ist riskant, sie hierher mitzunehmen.«
»Nur wenn ich sie bei mir habe, darf ich mich hier frei bewegen.«
»Ist sie das?« Der Mann nickte auf die Handtasche.

Anstelle einer Antwort legte Fräulein Traudhild die Tasche behutsam auf einen Metallwagen neben ihnen. Ihre Nasenflügel blähten sich, als sie den Mann mit einem Blick bedachte, der deutlicher als Worte sagte, wie wichtig das Gelingen ihrer Mission war. Jeder Treffer konnte den Ausschlag zum finalen Waffensturm geben. Den Ausschlag zum Sieg. Und zum Frieden. Der Mann nickte, er hatte verstanden, und Fräulein Traudhild ging, um die Kinder zum General zu bringen.

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